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„Ich habe Angst“

  • von

Rede zum Tag gegen Gewalt an FLINTA* 2023

Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.

W. Benjamin, „Goethes Wahlverwandtschaften“ in Gesammelte Schriften 1, R. Tiedemann und H. Schweppenhäuser, Hrsg. 1. Aufl., Bd. I, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991.

Dieser Tag, der Tag gegen Gewalt an FLINTA* ist für alle von patriarchaler Gewalt betroffenen Menschen – und hier seid explizit nicht ihr gemeint, liebe Männer – eine seltene Gelegenheit, unsere Trauer, unsere Wut, unsere Verzweiflung sichtbar auf die Straße zu tragen. Er reiht sich ein in eine Serie solcher Tage – der Trans day of Rememberance2 , der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, der Day of Silence, der Zero-Discrimination- Day etc. etc. – ein.

Das mag einem auf den ersten Blick viel vorkommen. Eine Menge Tage für eine kleine Minderheit. Ich zähle hier cis hetero Frauen dazu, weil sie noch immer gesellschaftlich unsichtbar gemacht und ins Abseits gestellt werden. Sie sind sicher keine Minderheit, aber Männer machen sie gern zu einer.

Aber wer hört uns schon zu? Wer hört uns zu, wenn wir uns nicht Gehör verschaffen; Tage, an denen wir auf die Straße gehen um zu protestieren gegen die Art und Weise, wie wir behandelt werden? Wer interessiert sich dafür, daß rund jeden dritten Tag ein Femizid stattfindet? Natürlich die Frauen, die davon potentiell betroffen sind. Aber sonst? Wer interessiert sich für die all-tägliche Gewalt gegen queere Menschen in Deutschland? Außer den Queers, meine ich.

Die Folgen, mit denen die Betroffenen Tag für Tag leben müssen, sind dabei zumeist genauso unsichtbar wie die Gewalt, die wir erfahren. Beispielhafte Zahlen von queeren Menschen in Deutschland: 24% meiden bestimmte Orte oder Plätze, vornehmlich öffentliche Räume. Zwischen 7% und 40% sind am Arbeitsplatz nicht geoutet. Von denjenigen, die Gewalt erfahren haben, hatten 22% Angst vor die Tür zu gehen oder bestimmte Orte aufzusuchen, hatten 38% psychische Probleme, 8% benötigten medizinische Versorgung.

Eindrucksvolle Zahlen. Acht Prozent, das sind eine von 13 Personen. Aber Zahlen bleiben nicht gut im Gedächtnis, habe ich mir sagen lassen. Also wird es so sein wie sooft: diejenige, die das Glück haben, nicht betroffen zu sein, sagen, wie schlimm das alles ist, und daß man dagegen nun wirklich dringend etwas zu tun hätte, und dann geht man nach Hause, legt die Füße auf den Tisch und wundert sich, warum nichts passiert.

Ich habe Angst. Ich habe Angst, daß bei der nächsten Wahl Leute einen formidablen Stimmenanteil bekommen, die allen Ernstes fordern, daß Drag verboten wird, daß Kinder nicht mehr über Liebe und Beziehungen jenseits der monogamen heterosexuellen cisgeschlechtlichen Ehe zwischen Mann und Frau aufgeklärt werden dürfen, daß jugendlichen trans* Menschen der Zugang zu gender affirming care verunmöglicht wird, daß eine Herdprämie für
Frauen eingeführt wird. Wenn ich darüber mit Leuten spreche sagen sie: „Jetzt mal mal den Teufel nicht an die Wand, so schlimm wird es schon nicht kommen.“ und dann lehnen sie sich zurück und blasen Rauchringe über den Bühl.

Ich habe Angst, daß wir fort müssen von hier, weil es nicht mehr sicher für uns ist. Weil queerfeindliche Gewalt noch weniger geahndet und strafrechtlich verfolgt wird als ohnehin schon. Wohin sollen wir gehen? In welchem Land sind wir willkommen? Wer bietet uns dann Schutz? Manche Menschen sagen mir: „So ein Quatsch, als ob jemals solche Zustände herrschen werden hier!“ Aber dann schaue ich nach Polen, nach Großbritannien, nach Italien, in die USA… Als ob man es dort erwartet hätte, daß es so weit kommen würde.

Ich habe Angst, wenn ich nachts nach Hause gehe allein, daß mir jemand etwas tut. Weil er mich als Frau wahrnimmt, oder noch viel schlimmer: Weil er’s nicht tut. Wenn ich das sage, höre ich: „Aber so was passiert doch so selten, da mußt Du Dir nicht so viele Gedanken machen drüber daß Dir das passieren könnte.“ Wenn das so selten passiert, warum höre ich dann von so vielen Menschen, denen es passiert ist?

Die Mehrheit – das sind die cis hetero Männer, die es sich bequem machen können, weil sie wissen, daß ihnen nichts passiert, und daß so bald niemand ihre Machtstellung ernsthaft ankratzen kann – ist träge. Ihnen liegt wenig daran, an der herrschenden Unordnung zu rühren, sei es, weil sie selbst davon profitieren, oder weil es sie schlicht und ergreifend nicht betrifft. Letzteres gilt übrigens für alle, die es sich mit Diskriminierung gemütlich gemacht haben, weil sie sie persönlich nicht betrifft. Seien das misogyne schwule Männer oder homo- und transphobe cis Frauen. Ich kann uns nicht darauf verlassen, daß sie aus Mitleid oder gutem Willen für uns einstehen. Dafür bin ich zu oft enttäuscht worden. Dafür habe ich zu viele schlechte Erfahrungen machen müssen. Und ich glaube, es geht noch viel mehr Menschen hier so.

Ich habe Angst, und ihr könnt mir diese Angst nicht nehmen, und ich kann euch eure Angst nicht nehmen. Alles, was wir tun können, ist füreinander da zu sein. Uns gegenseitig aufzufangen, wenn wir fallen. Uns zu trösten, wenn wir enttäuscht wurden. Uns zu verarzten, wenn wir verletzt sind. Füreinander stark zu sein, wenn wir schwach sind. Wir sind nicht viele. Wir sind nicht stark. Wir sind keine ernstzunehmende politische Kraft. Aber wir können aufeinander aufpassen. Wir können ihrem Haß, ihrer Mißachtung eine Solidarität entgegensetzen, die aus echtem Mitgefühl herrührt, aus gemeinsamen Erfahrungen, aus geteiltem Leid.

Das gibt mir ein Bißchen Hoffnung, daß wir die Dinge, die unserer harren, überstehenkönnen. Auch wenn die nahe Zukunft finster ist und kalt, wenn ich weiß, daß wir uns gegenseitig warm halten, gibt mir das Hoffnung, daß noch nicht alles verloren ist. Daß, egal wie schlimm es werden wird, und es ist beileibe schon schlimm genug, daß da immer jemand sein wird, auf den ich mich verlassen kann. Und die sich auf mich verlassen können. Bei allem,
was uns wiederfährt, haben wir trotzdem immer noch uns.

Danke!

Ich habe Angst – Rede zum Tag gegen Gewalt an FLINTA* 2023 by LUKS Passau is licensed under CC BY-SA 4.0